Mehr als Erziehung – Bedürfnisse & Bindung für ein harmonisches Zusammenleben

Die meisten Menschen wünschen sich gut erzogene Hunde. Aber was heißt das eigentlich genau?
Wie sich ein Hund „gut erzogen“ verhält ist für jeden von uns subjektiv. Vorstellungen, Erwartungen und Lebensrealitäten sind unterschiedlich und somit für jedes Team individuell.

Habe ich zum Beispiel einen Hund, der bei Geräuschen und/oder sich nähernden Personen bellt ist das in einem Mehrfamilienhaus in der Stadt vielleicht unerwünscht, hingegen im ländlichen Raum mit Haus und Garten vielleicht sogar gewollt.
Ist ein Hund jagdlich sehr motiviert, kann das im Wald eher anstrengend sein, dafür ist man in der Stadt entspannter unterwegs.

Du siehst schon, es ist gar nicht so leicht eine allgemein gültige Definition für einen „braven“ oder „gut erzogenen“ Hund festzulegen. Worauf wir uns glaube ich einigen können ist, dass es wichtig ist, dass Hunde sich selbst und andere nicht in Gefahr bringen.

Jeder Hund (genau wie jeder Mensch) ist ein Individuum. Jeder Hund bringt seine eigene Geschichte und seine eigenen Erfahrungen mit.

Es ist unsere Aufgabe uns zu informieren, welchem Hund wir ein Zuhause geben – egal ob Welpe oder erwachsener Hund, Züchter oder Tierheim – und uns damit zu beschäftigen, ob unsere Lebensrealität allgemein und im Speziellen für einen bestimmten Hund passt.

Es ist unsere Verantwortung das Leben für unsere Hunde so zu gestalten, dass sie sich wohl und sicher fühlen. Das bedeutet manchmal auch, dass wir bereit sein müssen Kompromisse einzugehen oder uns von bestimmten Vorstellungen zu verabschieden. Schließlich haben wir die Entscheidung getroffen, diesen Hund in unser Leben zu holen. Der Hund konnte sich das nicht aussuchen.

Ist das immer leicht? Nein, natürlich kann das auch mit Herausforderungen verbunden sein. Besonders, wenn ein Hund keinen so guten Start ins Leben hatte oder sich aufgrund unterschiedlichster Ursachen Verhaltensprobleme entwickelt haben.

 

Mehr als Erziehung

Immer wieder wird positiv und bedürfnisorientiert arbeitenden Trainer:innen vorgeworfen, dass sie keine Grenzen setzen. Das geht sogar so weit, dass behauptet wird, deswegen landen Hunde im Tierheim. Damit wird vor allem Angst geschürt!

Regelmäßig höre ich von Kund:innen zu Beginn die Befürchtung, dass sie vielleicht nicht streng genug waren und der Hund sich deswegen so verhält, wie er es gerade tut.

In einigen Kreisen herrscht immer noch der Mythos vor, dass man bei manchen Hunden mit „nett sein“ nicht weit kommt (um das einmal vorsichtig auszudrücken).

Was ich meinen Teams regelmäßig sage und dir hier mitgeben möchte: Du kannst nicht zu nett zu deinem Hund sein! Durch einen freundlichen Umgang ist noch kein Hund im Tierheim gelandet! Jeder Hund profitiert von einem gewaltfreien, fairen und bedürfnisorientierten Zusammenleben!

Mehr Training, mehr Erziehung, mehr Gehorsam führen nicht zu einem souveränen und sicheren Alltagsbegleiter, den die meisten von uns sich wahrscheinlich wünschen.

Das Leben mit unseren Hunden ist so viel mehr als Erziehung. Erziehung bzw. Training ist ein Bestandteil, damit dein Hund lernen kann, wie er mit bestimmten Situationen umgehen kann. Training alleine macht aber noch keinen sicheren Begleiter im Alltag und löst auch nicht alle Probleme.

Denn damit Training gut und langfristig funktioniert, braucht es eine solide Basis. Diese Basis besteht unter anderem aus Gesundheit, einer sicheren Bindung zu Bezugsmenschen und einer möglichst guten Erfüllung der Bedürfnisse. Dazu zählen neben den Grundbedürfnissen natürlich auch die ganz individuellen Bedürfnisse des jeweiligen Hundes.

Denn ist ein Hund krank, hat Schmerzen, Angst, steht er unter (Dauer-)Stress oder sind die individuellen Bedürfnisse nicht erfüllt, wird Training oft nur eingeschränkt oder gar nicht funktionieren.

 

Die sichere Bindung

Im modernen Hundetraining spielt die Bindung eine immer größere Rolle. Warum ist das gut so?

In der Bindungstheorie geht man davon aus, dass soziale Individuen danach streben in einer emotionalen Beziehung zu leben, die Geborgenheit und Sicherheit gibt. Es wurde erforscht, dass Menschen die besten Entwicklungschancen haben, wenn sie in gesunden Beziehungen leben, die Sicherheit geben und sowohl Raum für Eigenständigkeit als auch Gemeinsamkeiten bieten.

Auch unsere Hunde sind soziale Lebewesen und mittlerweile gibt es auch mit Hunden mehrere Studien, die bestätigen, dass sich eine sichere Bindung positiv auf die Entwicklung und das Verhalten von Hunden auswirkt.

Welche Voraussetzungen Hunde dafür schon mitbringen ist individuell. Wo kommt der Hund her? Wie ist er aufgewachsen? Welche Erfahrungen hat der Hund schon gemacht?
Natürlich macht es einen Unterschied, ob ein Hund wohlbehütet in einem sicheren Umfeld auf die Welt kommt und aufwächst oder ob der Start ins Leben weniger optimal verlaufen ist.

Die gute Nachricht ist: Bindungsfähigkeit und auch die Qualität der Bindung kann gelernt bzw. verändert werden. Durch positive Bindungserfahrungen können Hunde an Sicherheit gewinnen und zu souveränen, sicher gebundenen Begleitern werden, auch wenn es bei besonders langen oder schlimmen negativen Erfahrungen länger dauern kann.

Was bedeutet das konkret für unser Leben mit Hunden? Wie wirst du zu einer sicheren Bindungsperson für deinen Hund?

Damit sich zwischen dir und deinem Hund eine sichere Bindung entwickeln kann, ist es wichtig, dass du Sicherheit gibst und eine verlässliche Bezugsperson bist. Diesen sicheren Rahmen schaffst du durch empathisches Verhalten, freundlichen Umgang und das Vermeiden von Strafen. Indem du deinen Hund ernst nimmst und dich für ihn berechenbar verhältst. Sei authentisch, denn wir sind alle nur Menschen und machen auch mal Fehler.

Sei dir bewusst, dass negative/aversive Reize das Entstehen einer sicheren Bindung verhindern.

Eine unsichere Bindung kann zu Verhaltensproblemen führen und damit auch die Lebensqualität beeinflussen. Gleichzeitig möchte ich dir mitgeben, dass eine gute Bindung nicht automatisch verhindert, dass Verhaltensprobleme entstehen. Schließlich spielen mehrere Faktoren eine Rolle, wenn sich problematische Verhaltensweisen entwickeln.

Lass dir also von niemandem sagen, dass dein Hund ein Problem hat, weil du keine gute Bindung zu ihm hast.

Bindung ist eine sehr wichtige Basis und es liegt in unserer Verantwortung für ein Umfeld zu sorgen, indem eine sichere Bindung möglich ist. Denn auch wenn eine gute Bindung nicht verhindert, dass Probleme entstehen, so hilft sie uns definitiv dabei, die Möglichkeit für positive Verhaltensänderungen zu schaffen.

 

Darfs ein bisschen mehr sein?

Neben der Bindung spielen die Bedürfnisse eine zentrale Rolle.
Einerseits die Grundbedürfnisse, wie zum Beispiel Wasser, Nahrung, Sicherheit und Sozialkontakt und auf der anderen Seite die individuellen Bedürfnisse jedes Hundes.

Das sind zum einen die rassebedingten Bedürfnisse, also jene Verhaltensweisen auf die Hunde über die Jahre hinweg gezüchtet wurden. Ein Terrier bringt andere Bedürfnisse mit als ein Hütehund. Während die einen für ihr Leben gerne buddeln, wollen die anderen lieber ausgiebig rennen oder einer bestimmten Aufgabe nachgehen. Es ist also gut sich damit zu beschäftigen, wofür dein Hund ursprünglich gezüchtet wurde, um zu wissen, mit welchen Bedürfnissen du rechnen kannst.

Idealerweise überlegen wir uns bevor ein Hund einzieht, ob diese Bedürfnisse und Verhaltensweisen zu unserem Leben passen.

Neben rassebedingten Verhaltensweisen müssen wir uns auch mit den individuellen Bedürfnissen beschäftigen. Jeder Hund bringt hier eigene Vorlieben mit. Also was macht dem Hund im speziellen Spaß? Was braucht er um ausgeglichen zu sein? Der eine shreddert gerne Stofftiere, der andere möchte lieber kuscheln oder vielleicht auch beides.

Die möglichst gute Erfüllung beider Bedürfnisarten ist wichtig, damit Hunde sich zu ausgeglichenen Begleitern entwickeln können. Unerfüllte Bedürfnisse führen zu unentspannten Hunden und unentspannte Hunde entwickeln leichter Verhaltensprobleme.

Das gleiche gilt natürlich auch für uns Menschen. Auch unsere Bedürfnisse müssen bestmöglich erfüllt sein, damit wir eine stabile Bezugsperson für unsere Hunde sein können.

Wenn Hunde Probleme haben und sich für uns Menschen „falsch“ verhalten, ist der erste Impuls leider häufig, dass man strenger sein muss, dass der Hund weniger Freiheiten haben darf oder man mehr Gehorsam üben muss.

Die Leine wird immer kürzer, Dinge, die Spaß machen, werden verboten und der Fokus liegt nur noch darauf, was aktuell nicht funktioniert. Ganz ehrlich: Das macht doch niemandem Spaß!

Aus Hundesicht macht das gezeigte Verhalten Sinn und am Ende haben wir mit den Einschränkungen gar nicht unser Problem gelöst! Denn erstens, wird die Ursache überhaupt nicht berücksichtigt und zweitens werden durch immer mehr Verbote die Bedürfnisse des Hundes nicht mehr erfüllt.

So ist man schnell in einem Teufelskreis, weil das allgemeine Unwohlsein und die nicht erfüllten Bedürfnisse erst recht dazu führen, dass der Hund unentspannter ist und somit problematisches Verhalten begünstigt wird.

Wie wäre es stattdessen mit ein bisschen mehr! Mehr Freiheiten, mehr Dinge, die Spaß machen, mehr Berücksichtigen von Bedürfnissen! Was macht deinem Hund Spaß? Wofür kann sich dein Hund begeistern? Wie kannst du das in eurem Alltag umsetzen?

Mit einem bindungs- und bedürfnisorientierten Umgang bilden wir die Grundlage für ein harmonisches Zusammenleben. Denn, je ausgeglichener dein Hund ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit für unerwünschtes Verhalten.

 

Wie möchtest du auf dein Leben mit Hund zurückblicken?

Einen Hund auf dem Weg zu einem souveränen und sicheren Begleiter im Alltag zu unterstützen, ist nicht einfach mit ein paar Übungen getan, es braucht Wissen aber vor allem eine empathische Einstellung und Wohlwollen unseren Hunden gegenüber. Und ich persönlich finde, eine Prise Humor kann auch nie schaden.

So viele Studien bestätigen uns, dass ein freundlicher Umgang mit dem Hund das Beste ist. Trotzdem gibt es immer noch Menschen, die glauben, dass es ohne Strafen nicht geht und Menschen, die gewaltvolle Maßnahmen als Training verkaufen.

Selbst wenn es all diese Studien nicht gäbe, würde ich nicht anders mit Hunden umgehen.

Ich persönlich wünsche mir einen Hund, der selbstbewusst und sicher durchs Leben geht. Einen Hund, der sich auch mal traut Blödsinn zu machen und der weiß, dass er bei mir Hilfe bekommt, wenn er sie braucht. Ich möchte meinen Hund als Individuum wahrnehmen mit allen Stärken und bestimmt auch Schwächen, die er mitbringt. So wie ich und jeder von uns auch!

Ich bin überzeugt davon, dass die meisten von uns sich einen Hund ins Leben geholt haben, weil sie Hunde mögen. Weil wir gerne Zeit mit ihnen verbringen und diese gemeinsame Zeit ist kostbar und leider immer viel zu kurz.

Es stellt sich also die Frage: Wie möchtest du diese Zeit verbringen?

Denn am Ende eurer Zeit wirst du dich nicht ärgern, weil du nicht streng genug warst, du wirst dich über all die schönen Momente freuen. Du wirst stolz sein, auf alles, was ihr gemeinsam geschafft habt und dich nicht ärgern, weil der Rückruf nicht perfekt trainiert war. Du wirst darüber lachen, dass dein Hund auch mal etwas angestellt hat und nicht sauer sein, weil er etwas kaputt gemacht hat.

 

Vor ein paar Wochen ist unser Hund Atlas gestorben und ich bin stolz sagen zu können, dass wir vieles richtig gemacht haben. Wir haben,trotz einiger Themen zu Beginn, den Spaß in den Vordergrund gestellt, die gemeinsame Zeit genossen und nicht alles immer so ernst genommen. Ich würde (das meiste) genau so wieder machen.

Leben mit Hund ist so viel mehr als Erziehung!

Genießt es!

 

 

 

Wenn du mehr zu diesem Thema lernen möchtest, dann sei am 11. Februar bei meinem Online-Vortrag zum Thema „Mehr als Erziehung“ dabei. Hier geht’s zur Anmeldung.

 

 

Dieser Blogbeitrag erscheint im Rahmen der Blogparade der Vereinigung österreichischer Hundeverhaltenstrainer:innen (VÖHT) unter dem Thema „Warum Leckerchen nicht alles sind“. Alle Artikel meiner Kolleg:innen findest du hier.

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